Jan Wagner

par : Anonyme

3 poèmes en allemand et en anglais du poète Jan Wagner

ein pferd / a horse

 

„The well-aimed phrase is a whip
your poem a horse.“

(Michael Donaghy, nach Lu Chi)

 

ist es ein fuchs, ein schimmel oder rappe,
hengst oder stute,
was durch den garten trabt und am rhabarber
zugange ist, an der lavendelstaude?

was dort über die triplebarre
hinwegsetzt, nur um in der mitte
des schlachtfelds zu landen, vor den karren
mit fässern und die goldene pyramide

aus heu gespannt? das kaltblut,
das aus brabant ein kiloschweres herz
heranschleppt und das V, den leichten pflug
der wildgänse, oder der lippizaner, der als schwärze

geboren wird, der über alle felder
hinwegzutänzeln weiß und immer weißer,
der zum triumph wird, alle welt ins schach stellt,
blendend wie das schnupftuch eines kaisers?

versteht sich: sämtliche zweihundert-
undzweiundfünfzig knochen kannst du noch im schlaf
zusammensetzen, weißt vom huftritt,
erkenntnishart, der präzision im schweif,

den schemen, die sich nachts graubraun
am zaun der weide reiben, hü und brr,
hörst das erstickte wiehern in den gräbern
der pharaonen und eroberer.

und doch bist du jetzt hier, rot wie ein bier-
kutscher und fluchend, mit dem zuckerstück
genialität in deiner tasche und dem tier,
das weder vor geht noch zurück,

nicht reagiert auf deine gerte
und auch nicht auf die möhre, die am band
vor seinen nüstern baumelt wie die kerze
vor der ikone. rühr dich, sagst du bebend.

es rührt sich nicht. es steht da, sieht ins land.

 

a horse

“The well-aimed phrase is a whip
your poem a horse.”

(Michael Donaghy, after Lu Chi)

 

is it a black, a chestnut or a gray,
stallion or mare,
which tramples the garden and makes its way
over the rhubarb and the lavender?

which leaps the triple bar
only to land in the middle
of the battlefield, hitched before
the cart with barrels and the pyramid

golden of hay?  the carthorse,
which hauls its kilo-heavy heart
from brabant and the V, light plough
of the wild geese, or the lippizaner, born

as a black, which has the wits to mince
from every field, white and ever whiter,
grows into a triumph, checkmates the whole world,
dazzling as the handkerchief of an emperor?

let it be understood: all two-hundred
and fifty-two bones you can compose
in sleep, know the hoofbeat,
hard knowledge, the precision in the tail,

the gray-brown silhouettes that rub themselves
at night against the pasture fence, haw and gee,
hear the strangled whinny in the graves
of pharaohs and of conquerors.

and yet you are still here, red as a beer-
cabby and cursing, with the sugar stick
brilliance in your pocket and the beast,
which goes neither forward nor back,

reacts neither to your whip
nor to the carrot dangling on a string
before its nostrils like the candle
before an icon.  move, you tell it, trembling.

it does not move.  it stands there, looks into the land.

 

(Übersetzung: Danielle Janess und Julian Smith-Newman)
 

giersch / spurge

 

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

 

spurge

not to underestimate: spurge,
the urge already in its name--and hence
the blossoms, so floating white, vir-
ginal as a tyrant’s dream.

always returns like some old debt,
sends its secret missive
through darkness under the grass, under the field,
until somewhere else, renewed, a white

resistance cell emerges.  behind the garage,
by the crunching gravel, the cherry: spurge
as frothing, as surf, that without sound

occurs until it creeps to the gable-top, until spurge
surges over everything, in the whole garden spurge
thrusts itself over spurge, submerged by nothing but spurge.

(Übersetzung: Danielle Janess und Julian Smith-Newman)

laken / sheets

 

großvater wurde einbalsamiert
in seines und hinausgetragen,
und ich entdeckte ihn ein jahr später,
als wir die betten frisch bezogen,
zur wespe verschrumpelt, winziger
pharao eines längst vergangenen sommers.

so faltete man laken: die arme
weit ausgebreitet, daß man sich zu spiegeln
begann über die straff gespannte fläche
hinweg; der wäschefoxtrott dann, bis schritt
um schritt ein rechteck im nächstkleineren
verschwand, bis sich die nasen fast berührten.

alles konnte verborgen sein
in ihrem schneeigen innern: ein leerer
flakon mit einem spuk parfum, ein paar
lavendelblüten oder wiesenblumen,
ein groschen oder ab und zu ein wurf
von mottenkugeln in seinem nest.

fürs erste aber ruhten sie, stumm
und weiß in ihren schränken, ganze
stapel von ihnen, eingelegt in duft,
gemangelt, gebügelt, gestärkt,
und sorgfältig gepackt wie fallschirme
vor einem sprung aus ungeahnten höhen.

 

 

sheets

grandfather was embalmed
in his and borne away,
and i discovered him one year later,
as we were freshly making the beds,
shriveled into a wasp, minuscule
pharaoh of a long-forgone summer.

this is how sheets were folded: arms
wide outspread, so one began
to be mirrored across the taut-stretched
surface; the linen-foxtrot then, till step
by step one rectangle vanished into
the next smallest, till the noses almost touched.

anything could be veiled
in their snowy interior: an empty
phial with a phantom perfume, a few
lavender blossoms or meadow flowers,
a penny or, now and again, a toss
of mothballs in its nest.

at first, though, they rested, mute
and white inside their chests, whole
stacks of them steeped in scent,
folded, ironed, starched,
and carefully packed like parachutes
before a leap from unimagined heights.

 

(Übersetzung: Danielle Janess und Julian Smith-Newman)